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Das Geheimtreffen

  • 8. Feb. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Feb. 2024



Was war so gefährlich für ein Mitglied des Hohen Rats, wenn er sich heimlich, im Schutz der Nacht, mit dem Mann aus Nazareth traf? Seine Kollegen, die Gesetzeshüter und Gelehrten hatten schon den Stab über Jesus, den Volksverhetzer gebrochen und wollten ihn wegschaffen. Mit seinen Wundertaten gab sich der Nazarener als Messias aus und verführte das Volk. Tatsächlich war er ein Populist, der mit Wundertaten beeindruckte und das Volk mit seinen Reden gegen die Obrigkeit aufbrachte. Er verstieß demonstrativ gegen Gebote und Ordnungen, die man zum Schutz des Gesetzes erlassen wurden. Mit seinen Auftritten forderte er die Gesetzeshüter heraus, stellte ihre Heuchelei bloß. Der Nazarener war ein Extremist, ein Demagoge, mit radikalen Ideen und Geboten; er musste verschwinden.


Verständlich, wenn jemand von Rang und Namen sein Ansehen aufs Spiel setzte, wenn er sich mit einem solchen Dissidenten traf. Und doch zog es Nikodemus eines Abends zu Jesus hin. Er hatte gespürt, dass mehr an diesem Wanderprediger und Wunderheiler dran sein musste. Kaum jemand konnte ihm an Weisheit und Erkenntnis das Wasser reichern, seine Gegner hatte er reihenweise zum Verstummen gebraucht. Seine öffentlichen Reden und was man sich über ihn berichtete, war faszinierend und gefährlich zugleich. Fast schien es so, als wenn Jesus von Nazareth selbst die heiligen Schriften verfasst hätte, seine Autorität war beeindruckend für Freund und Feind gleichermaßen.


Das Volk lief tausendfach hinterher, wenn der Menschensohn, wie der Wanderprediger sich nannte, öffentlich auftrat. Ganz zu schweigen von den Jüngern und Jüngerinnen, die Jesus um sich scharte, kein Rabbi erfreute sich solch einer Beliebtheit. Nikodemus wollte dem auf den Grund gehen, kurz, er war neugierig.


Zunächst galt es mit der Tür nicht gleich ins Haus zu fallen, sondern Höflichkeiten auszutauschen.

'Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Joh 3/2

Das war schmeichelhaft, doch Jesus kam gleich auf den Punkt und antwortete auf eine Frage, die Nikodemus gar nicht gestellt hatte:

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Joh 3/3


Jesus hatte schnell erkannt, worum es dem Gelehrten und angesehen Mitglied des Sanhedrin ging, nämlich Gewissheit über sein Seelenheil zu bekommen. Eine Frage, die sich damals jeder stellte und der Grund, warum jedermann danach trachtete, in die Überlieferungen der Vöter eingeweiht zu werden. Die Frage, was passiert nach dem Tod und wie gelange ich in den Himmel, waren auch Streitthemen der Pharisäer und Sadduzäer, jener Führungselite vom Tempelbezirk.


Die Antwort, die Jesus gab, warf weitere Fragen auf und es würde noch einige Zeit dauern, bis Nikodemus Klarheit erlangte und ein Jünger Jesu wurde. Auf dem Weg dahin, als es um die Verurteilung Jesu vor dem Hohen Rat ging, ergriff Nikodemus Partei für den Geächteten und erhielt eine herbe Abfuhr. Dabei wollte er seine Kollegen nur an die Rechtsstaatlichkeit erinnern, dass man keinen verurteilen konnte, bevor die entsprechen Beweise vorlagen.

Spricht zu ihnen Nikodemus, der vormals zu ihm gekommen war und der einer von ihnen war: 51 Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn angehört und erkannt hat, was er tut? 52 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Bist du auch aus Galiläa? Joh 7/50


Jetzt begann man in Nikodemus einen Mitläufer und Sympathisanten zu wittern. Die Unterstellung, er könne ebenfalls aus Galiläa stammen, tut zwar nichts zur Sache, half aber erst mal aus einer Verlegenheit. Auch die Behauptung, aus Galiläa könne kein Prophet kommen, ließ nur ihre Unkenntnis durchblicken. Sie wollten nichts von den Prophetien auf den Messias wissen, nannten sich aber Führer des Volkes, Gesetzeshüter und Schriftgelehrte. Und so entzog man sich weiterer Diskussion und ging nach Hause. Doch mit ihrer Ahnung, in Nikodemus einen Abtrünnigen vor sich zu haben, lag man nicht falsch. In der Tat sollte sich Nikodemus kurze Zeit später zum Gekreuzigten von Golgatha stellen. Joh 19/39 Nikodemus hatte letztendlich seinen Heiland erkannt und dem Leichnam Christi Ehre erwiesen. Er wusste sein Leben in sichere Hände zu geben, auch wenn das kaum jemand verstand.


Sein Image, seine Karriere, sein Einkommen bedeuteten ihm jetzt nichts mehr. Er sah nur noch die traurige Gestalt, die er als Lehrer Israels, als angesehener Bürger Jerusalems abgegeben hatte. Das war nun vorbei, sein Geist war erleuchtet worden, die Karriere hatte er an den Nagel gehängt und war vom Pharisäertum abgefallen. Diese Bombe platze, als kurz darauf das Gerücht von der Auferstehung Jesu von den Toten die Runde machte. Dieser Jesus von Nazareth soll in der Stadt gesehen worden sein, und das, nachdem Römer, die Profis im Töten und Hinrichten, ihn gekreuzigt hatten.


Ach, hätte Nikodemus doch nur mit seiner Bekehrung noch gewartet, wenn einige Zeit später seine Sympathie für den Gekreuzigten nur noch als melancholischer Rückblick gewertet worden wäre. Die sentimentale Schrulle eines Unbelehrbaren. Jetzt aber, angesichts der dramatischen Ereignisse um das Passahfest im Jahr 32 n.Chr. stand er als Nestbeschmutzer, als Sympathisant und hoffnungsloser Fall im Fadenkreuz seiner Kollegen.


In den rabbinischen Schriften der folgenden Jahrhunderte wurde man nicht müde, ihn, den abtrünnigen Nikodemus als von Gott verflucht und armer Schlucker vorzuführen. Jeder Gedanke daran, dass an diesem Fall irgendetwas dran sein würde, sollte im Keim erstickt werden. Wer sich diesen Christen und ihrer Gemeinde anschloss, wurde ausgegrenzt und aus der Synagoge verstoßen, ja nicht selten umgebracht. Über Nikodemus soll Armut und Einsamkeit hereingebrochen sein, so wusste man zu berichten. Ob es wirklich dem Nikodemus so erging? Die Bibel sagt darüber nichts. Auf jeden Fall war der Tausch, der einst mit einem Geheimtreffen zweier Männer begann, lebensentscheidend. Millionen und Abermillionen Menschen in aller Welt sollten dies bald bestätigen. Die zweifelhafte Berühmtheit, die Nikodemus vor den führenden Juden erlangte, ist jedoch nichts gegen das Glück ewiger Freude, die ihm zuteilwurde. Im Himmel vereint mit seinem HERRN Jesu Christus.




Foto: Sammy Williams

 
 
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