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Einleitung- Christlicher Wegweiser

  • 22. Sept. 2024
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Sept. 2024

Luther heute?

Wer sich in dieser Zeit auf den Christlichen Wegweiser für jeden Tag einlässt, wird sicherlich bald merken, dass die Luther-Kommentare wie ein Gegenentwurf zur Christenheit von heute wirken. Hier das Schleifen, Feilen und Veredeln im rauen Wind der Reformation, der ständigen Erneuerung durch Christus den Herrn, dort eine Innerlichkeit, die alles schon überwunden hat, was die Bibel mit Leid, Buße und Nachfolge verbindet und sich hauptsächlich von angenehmen Gefühlen leiten lässt. Mit der Rückbesinnung auf das Wort Gottes verband Luther eine Überlebensstrategie, um nicht dem Teufel, der Welt und einer falschen Kirche zum Opfer zu fallen. Seine Ermahnungen trafen eine Welt, die nach einem geistlichen Neuaufbruch hungerte, im 16. Jahrhundert umgeben von Leid und Sterben. Und heute? Sollten wir es hinnehmen, wenn Wohlstand und Medien diese wichtige Grunderfahrung der ersten Christenheit verdrängen? Bei aufmerksamer Betrachtung der Luther-Kommentare stellt sich bald heraus, dass seit der Reformation gar nicht so viel geändert hat. Zumindest hat sich die „Welt“in ihrem Denken und Handeln kaum verändert. Die gleichen Bedürfnisse, die gleichen Begierden und Sehnsüchte treiben Menschen heute wie damals um. Mit einem entscheidenden Unterschied: Während damals der gute Kampf des Glaubens und die Errettung des Menschen von Sünde, Hölle, Tod und Teufel noch ein gesellschaftliches Thema war, innerhalb und außerhalb von Kirche, ist der Glaube heute zu einer Art Freizeitbeschäftigung geworden.

Eine Frömmigkeit, die vor allem Gefühle in den Mittelpunkt stellt, unfähig aber die eigene Sünde und Erlösungsbedürftigkeit wahrzunehmen. Ja, man scheint sich obendrein mit Emojis und Likes zu wappnen, um die geistliche Armut zu verbergen. Das verbreitete Bibelwissen befindet sich auf einem Tiefstand, wie es ihn seit der Reformation nicht gegeben hat.


Nicht so war es in der Urgemeinde als alles anfing mit der Christenheit vor 2000 Jahren. Man kam im Abendmahl zusammen, beichtete seine Nöte und Sünden und war in echter Nächstenliebe immer erst bereit zu dienen als sich dienen zu lassen. Eine Frage der Zeit und vorhandenen Fähigkeiten? Wohl kaum, denn Gott selbst schafft Zeit, Raum und Begabungen, um aneinander als Brüder und Schwestern zu wachsen. Der Christliche Wegweiser Luthers will eine eingeschlafene Christenheit aufwecken, so wie es im Gleichnis von den 10 Jungfrauen behandelt wird. Er will die Aufmerksamkeit auf den Heiligen Geist lenken, der die Gläubigen bei wachem Verstand im Wort Gottes vorantreiben will. Es geht ihm um einen lebendigen Glauben, der sich nicht an Menschen und Zeitgeist orientiert, sondern am Wort Gottes, der Gnade und Jesus Christus. Wenn der Apostel Petrus davon spricht, dass der Teufel wie ein brüllender Löwe umhergeht und jeden sucht, den er verschlingen kann, dann hat Luther in seiner Lehre eine wirksame Waffe, die gerade für das 21. Jahrhundert hochwirksam zu sein verspricht. Es geht um Aufmerksam gegen den Verführer Satan, eine gottlose Welt und die Trägheit des eigenen Fleisches, nicht mehr und nicht weniger. Grund genug, sich die tägliche Viertelstunde zu gönnen, um gewappnet in den Tag zu gehen. Es lohnt sich!


Vorwort/Einleistung

Luther in die heutige Zeit übertragen bedeutet vor allem, den Glauben und die Denkweise des Reformators nachzuvollziehen, ja ein Stück weit zu verinnerlichen. Drei Dinge stehen bei Luther im Mittelpunkt: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Befindlichkeit, das Störfeuer Satans und die Verführungen einer gottlosen Welt. Insofern hat sich seit 500 Jahren nicht allzu viel für die Christenheit geändert, wenn man einmal davon absieht, dass der Glaube heute eine weit geringe Bedeutung spielt, als noch im 16. Jahrhundert. Und doch war schon damals die Rede vom „Kleinen Häuflein“ den Getreuen, die der Schrift, dem Glauben und Jesus Christus die Treue halten.


Der Christiliche Wegweiser nimmt sich pro Tag einen Bibelvers vor, den der Reformator kommentiert und in einen praktischen Bezug zum alltäglichen Leben setzt. Auf die endzeitlichen Zeichen und Wunder, wie sie bei Daniel, Hesekiel, Jesaja und der Offenbarung eine wesentliche Rolle spielen, verstand sich Luther so gut wie gar nicht. Der Grund mag darin liegen, dass diese Prophetien in der Reformation um das Jahr 1517 kaum im Vordergrund standen. Man war darauf bedacht, zu den Ursprüngen des christlichen Glaubens der Urgemeinde zurückzufinden. Angesicht einer katholischen Kirche, die dem Volk das Wort Gottes vorenthielt, eine herausfordernde und erschöpfende Aufgabe.


Heute stehen Bibeln zwar allerorts zur Verfügung, aber das Interesse drin zu studieren und sich um das eigene Seelenheil zu sorgen, trifft landesweit auf eine verschwindende Minderheit. Wenn die Reformationsbewegung noch begieriges Interesse am Wort Gottes verursachte, nebst enormen gesellschaftlichen Umwälzungen, dann haben wir es heute vor allem mit Überdruss zu tun. Eine Glaubensmüdigkeit, die Martin Buber, der jüdische Religionsphilosoph, mit „Gottesfinsternis“ beschrieb. Gleich einem Volk, das in Finsternis wandelt und den Abgrund vor sich gar nicht wahrnehmen kann und will. Gott scheint sich aus dem Mutterland des Evangeliums Europa verabschiedet zu haben. Die Lichter in den örtlichen Gemeinden haben ihren hellen Schein verloren, glimmen nur noch oder sind unter dem Einfluss des Zeitgeistes bereits erloschen.


So stellt der Christliche Wegweiser heute vor allem ein geistliches Überlebenstraining für eine kleine Minderheit dar, gleichbedeutend mit der Frage an den geneigten Leser, die geneigte Leserin: bin ich mir dessen bewusst?


Kirche und Glaube waren in ihrer 2000-jährigen Geschichte immer wieder durch Irrlehren und staatliche Einflüsse angegriffen worden, doch nie zuvor hatte sich die Gemeinde Christi von Innern zerlegt, wie es heute in allen Konfessionen zu beobachten ist. Von der katholischen Kirche, über die Protestanten bis in die Freikirchen hinein entwickeln sich Richtungskämpfe, die mehr und mehr die Grundfesten des christlichen Glaubens zerstören.


Der lutherische Wegweiser nimmt sich herbei wie die Gebrauchsanleitung eines Rettungsbootes aus, dessen Sprache kaum jemand mehr versteht. In der Tat galt es, die umfangreichen Bezüge und Bilder des Christlichen Wegweisers sprachlich zu „reformieren“, um überhaupt noch verstanden zu werden. Immer unter der Voraussetzung, dass möglich viel von der Gebrauchsanweisung für ein geistliches Überleben erhalten und verständlich bleibt. Eine Herausforderung, die auch eine gewisse Selbstverleugnung und Leidensbereitschaft erforderlich macht. Unter dieser Voraussetzung wird dieses Büchlein zu Trost und Ermutigung. Gleich einem Navigationssystem in einer von Sachgassen, Einbahnstraßen und Umleitungen durchsetzten Großstadt stellt der Christliche Wegweiser für jeden Tag eine unschätzbare Orientierung dar. In einer Zeit unzähliger Möglichkeiten falsch abzubiegen, sei es in Familie, Freundschaft, in Gesellschaft oder Beruf, brauchen Christen eine Orientierung, wie sie sich über Jahrhunderte bewährt hat.


Dies erkannte Helmut Korinth, als er im Herbst 1980 die Texte Luthers in einer Auflage von 15.000 Exemplaren herausgab; es folgten weitere 200.000 Drucke, die oftmals frei verteilt wurden. Der Autor bezog sich auf eine Sammlung des lutherischen Pastors Schinmeier, erstmalig als „Schatzkästlein“ im Jahr 1738 herausgegeben. Korinth hatte die originale Luthersprache, wie sie noch in der unreviderten Ausgabe des Schatzkästleins vorhanden war, beibehalten. Eine Sprache, die im 20. Jahrhundert nicht mehr für die breite Masse zugänglich war. Begrifflichkeit, Bildsprache und der oft ziemlich verschachtelter Satzbau machen es für heutige Lesegewohnheiten schwierig zu wissen, wovon überhaupt noch die Rede ist. Es brauchte also einige Jahre, um den Texten Luthers auf die Spur zu kommen und den Sinn für ein heutiges Verständnis zu ergründen. Hinzu kam, dass auch die Übersetzung aus der unrevidierten Lutherbibel nicht immer verwendet werden konnte. Neuere Fassungen, aber auch die Elberfelder mussten helfen, die Bibelverse verständlicher darzustellen. Wie weit war es notwendig, sich von der Urfassung aus dem Jahr 1738 zu entfernen, um zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch verstanden zu werden? In Anbetracht zunehmender Bildungsarmut unter den nachwachsenden Generationen vielleicht ein Wettlauf zwischen Hase und Igel. Dem Trend folgend, stünde am Ende eine Comicausgabe, wie sie ja schon als Bibelausgabe angeboten wird. Das Evangelium als Unterhaltungsliteratur? Auch davor mag der lutherische Wegweiser schützen, setzt er doch vor allem Nachfolge und Leidensbereitschaft voraus.



Axel Nickolaus


 
 
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