Luthers langer Abschied
- Axel Nickolaus

- 1. Nov. 2023
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"Es ist gestorben der Wagenlenker Israels, der die Kirche in dieser letzten Zeit der Welt geleitet hat."
Melanchthon bei der Todesnachricht im Jahr 1546
Melanchthon befand sich im Unterricht vor Studenten in Wittenberg, als ihn die Nachricht von Luthers Tod in Eisleben erreichte. Seine spontane Reaktion offenbart nicht nur die Verbundenheit mit seinem Freund und Weggefährten. Rückblickend, nach fast 500 Jahren zeigen sich hier gleich mehrere Fehleinschätzungen, wie sie die Kirchengeschichte bis heute nicht wirklich überwunden hat.
Die christliche Kirche ist nicht mit Israel gleichzusetzen.
Die "Ersatztheologie" hat sich jene Verheißungen von Gott an Israel, angeeignet. Besonders im Hinblick auf die Endzeit hat dies die christliche Theologie orientierungslos gemacht. Die verbreitete Ratlosigkeit gegenüber der Offenbarung Jesu Christi über die letzten Tage der Erde, geschrieben um 100 n.Chr. bestätigt dies umso mehr.
Luther steht nicht für die Reformation, das hat er nie gewollt. Melanchthon beschwört hier einen Geist herauf, der von einem einzigen Mann nie getragen werden konnte.
Luther selbst hatte sich verbeten, sich "lutherisch" zu nennen. Er sah anscheinend voraus, wie leicht aus der Reformbewegung eine Kirche entstehen konnte, die seinen Nahmen benutzte, ohne sich das "evangelische" immer wieder zu erkämpfen.
Die christliche Scholastik hat sich ein Gottesbild erarbeitet, das die Bedeutung Israels in der Endzeit nicht erlangte. Israel war zwar von der Landkarte verschwunden, desto trotz liefert die Schrift zahlreiche Hinweise, auf eine Rückkehr ins Heilige Land, verbunden mit großartigen Prophetien der Endzeit.
Aus Sicht der Bibel ist "die letzte Zeit", die Endzeit, der Tag des HERRN oder auch die Drangsalszeit an bestimmte Voraussetzungen und Zeichen gebunden, die im 16. Jahrhundert noch weit entfernt waren. Nur im Hinblick auf das Judentum hätte Luther sich hier eines Besseren belehren können. Überdies war die Endzeit gar kein Thema für die Reformation, selbst wenn die gesellschaftlichen Umstände es vermuten ließen.
Wenn Luther den Papst als Antichristen bezeichnet hatte, dann war dies nur damit zu rechtfertigten, dass der "Heilige Vater" sich als Stellvertreter Christi auf Erden ausgab. Ein Angriff auf Gottes Souveränität und Willen. Geistlich gebührt die Anrede Vater nur Gott. Die Bedeutung von Antichrist kann im Griechischen als "gegen" oder "anstatt" gelesen werden. In diesem Sinne stellt das Papsttum zu jeder Zeit eine antichristliche Position dar. Allerdings nur im geistlichen Sinne, als Person wird der Antichrist erst als größter Verführer aller Zeiten, zu Beginn der Drangsalszeit auftreten, Solange haben wir es immer wieder mit dem Geist des Antichristen zu tun.
Foto: Wim van`t Einde