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MARTIN LUTHER's

Image by Wim van 't Einde

Täglich einen Bibelkommentar

Foto Wim van't Einde

Sprachlich überarbeitet und aktualisiertvon Axel Nickolaus -Beta-

Luther heute?

Wenn heute der Reformer in christlichen Kreisen erwähnt wird, ist oftmals kritische Distanz zu spüren. Ja, Luther war nicht schlecht, aber sein Antisemitismus und überhaupt seine Radikalität … damit hätte man Probleme. Wie wir gleich sehen werden, geht es beim Erbe Luthers nicht darum, einen evangelischen Heiligen auszumachen. Gemessen an seinem Lebenswerk, gibt es zwar keinen, der Bildung und Glaube der Neuzeit derart geformt und vorangebracht hat, wie dieser einfache Mönch aus bescheidenen Verhältnissen. Bei all der überragenden Intelligenz und Gottesfurcht verließ ihn doch der Verstand, als am Ende seines Lebens einen fürchterlichen Judenhass in sein Erbe hineinschrieb. Licht und Schatten in der Seele eines Menschen begegnen sich hier auf tragische Art und Weise, zumal der Reformer eigentlich alles wusste, um sich vor Judenhass in Acht zu nehmen. Einst hatte er sich um Juden bemüht und wollte ihnen die frohe Botschaft des Evangeliums persönlich nahebringen, doch hatte man ihm ins Gesicht gespuckt. Vielleicht war es gekränkte Leidenschaft, die sich später Bahn brach und Luther zur Galionsfigur des Antisemitismus späterer Jahrhunderte werden ließ.

Die Lehre, die das Christentum daraus ziehen kann, hat Luther selbst in seinem Christlichen Wegweiser zum  31. Januar formuliert. Jeder Gläubige steht demnach in der Gefahr, sich schwer an seinem HERRN zu versündigen. Was dies anbelangt, reiht sich Luther mit den Aposteln Paulus und Petrus ein, die allesamt schwere Abstürze erlebt hatten. Das Bedürfnis vieler Kirchgänger, zu anerkannten Pastoren und Evangelisten aufschauen zu wollen, ist gefährlich und kann auch jene in Versuchung führen. Nicht von ungefähr wissen wir, dass Gott dem Paulus "einen Pfahl ins Fleisch" gegeben hatte, damit der Apostel nicht hochmütig würde. Umso mehr sind die wahrhaft Gläubigen aufgerufen, wach zu bleiben und nicht jede Predigt unreflektiert hinzunehmen. Erst in der kritischen Auseinandersetzung erweist sich lebendiger Glaube – gegenüber dem eigenen Herzen, aber auch gegenüber einer Theologie, die sich immer wieder im Spannungsfeld zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Treue zu Gott und Menschenfurcht befindet.

Luther war volksnah und wach im kritischen Denken, und so verstand er es wie kaum ein anderer, einer korrupten Obrigkeitskirche entgegenzutreten. Vor allem aber war er ein bekennender Sünder, der nicht genug über seine Schwächen und Fehler beichten konnte. Wie schon erwähnt, haben wir es bei aller Popularität kaum mit einem modernen Heiligen zu tun, sondern jemand, der sich selbst und der Christenheit einen Spiegel vorhält. Im Licht der Heiligen Schrift, die Luther wie kein anderer durchforscht und dem Volk nahegebracht hat, kann sich jeder in seiner Erlösungsbedürftigkeit wiedererkennen. Luther verschwindet in seinem Werk wie Salz, das sich in Wasser auflöst und damit eine entscheidende Veränderung bewirkt. Was übrig bleibt, ist ein unerschütterlicher Glaube, an dem sich Generationen über Jahrhunderte orientiert und aufgerichtet haben. Wer darüber hinaus über den "Madensack" Luther, wie er sich selbst bezeichnet hatte, zu Gericht sitzen will, der wird nur leeres Stroh dreschen. Luther verstand sich als Sünder unter Sündern, womit selbst ernannte Heilige wohl immer ein Problem haben werden.

Wer sich dieser Tage im Christlichen Wegweiser für jeden Tag einklinkt, wird sicherlich bald merken, dass die Luther-Kommentare wie ein Gegenentwurf zur Christenheit von heute wirken. Hier das Schleifen, Feilen und Veredeln im rauen Wind der Reformation, der ständigen Erneuerung durch Christus den Herrn, dort eine Innerlichkeit, die alles schon überwunden hat, was die Bibel mit Leid, Buße und Nachfolge verbindet, und sich hauptsächlich von angenehmen Gefühlen leiten lässt. Mit der Rückbesinnung auf das Wort Gottes verband Luther eine Überlebensstrategie, um nicht dem Teufel, der Welt und einer falschen Kirche zum Opfer zu fallen. Seine Ermahnungen trafen eine Welt, die nach einem geistlichen Neuaufbruch hungerte,  im 16. Jahrhundert umgeben von Leid und Sterben, das zum Alltag gehörte. Sollten wir es hinnehmen, wenn Wohlstand und Medien diese Grunderfahrung der ersten Christenheit, das Leiden, verdrängen? Bei aufmerksamer Betrachtung ist bald zu merken, dass sich seit der Reformation gar nicht so viel geändert hat. Zumindest haben wir uns im Denken und Handeln kaum verändert, die gleichen Bedürfnisse, die gleichen Begierden und Sehnsüchte treiben Menschen heute wie damals um. Mit einem entscheidenden Unterschied: Während damals der gute Kampf des Glaubens und die Errettung des Menschen von Sünde, Hölle, Tod und Teufel noch ein gesellschaftliches Thema war, innerhalb und außerhalb von Kirche, ist der Glaube heute zu einer Art Freizeitbeschäftigung geworden. Eine Frömmigkeit, die vor allem die eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, unfähig aber, die Bedürftigkeit des anderen nach Heilung und Errettung wahrnehmen zu können. Ja man scheint sich obendrein mit Emojis und Likes zu wappnen, um die geistliche Armut zu verbergen. In einer Zeit, in der das Tragen von Masken Alltag geworden ist, haben viele sich an den Anblick gewöhnt. Nicht so in der Urgemeinde, als alles anfing mit der Christenheit vor 2000 Jahren. Man kam im Abendmahl zusammen, beichtete seine Nöte und Vergehen und war in echter Nächstenliebe immer erst bereit zu dienen, als sich dienen zu lassen. Eine Frage von Zeit und vorhandenen Fähigkeiten? Wohl kaum, denn Gott selbst schafft Zeit, Raum und Begabungen, um aneinander als Geschwister zu wachsen. Davon handelt der Christliche Wegweiser Luthers aus einer Zeit, die sich gar nicht so sehr von der unsrigen unterscheidet.

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